Hyperkinetische Störungen (Hyperkinetic Disorders)
„Hyperkinetische Störungen" ist der offizielle Name, den das Diagnosesystem ICD-10 für das gibt, was im Alltag ADHS heißt. Gemeint ist dieselbe Sache: eine Störung von Aufmerksamkeit, Aktivität und Impulskontrolle.
Inhalt
Was bedeutet „hyperkinetische Störung"?
Wenn Eltern im Arztbrief oder in einem Bericht plötzlich den Ausdruck hyperkinetische Störung lesen, verunsichert das oft. Der Begriff klingt fremd, meint aber nichts anderes als das, was die meisten Familien unter ADHS kennen.
„Hyperkinetisch" setzt sich aus zwei griechischen Teilen zusammen: „hyper" für „über" und „kinesis" für „Bewegung". Wörtlich bedeutet es also „übermäßig viel Bewegung". Der Name beschreibt damit einen Teil dessen, was auffällt: viel Bewegungsdrang, innere Unruhe, ein Kind, das schwer zur Ruhe kommt. Dazu gehören aber auch Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit zu halten, und eine geringe Impulskontrolle. Fachleute fassen diese Muster unter der Gruppe der hyperkinetischen Störungen zusammen.
Warum gibt es zwei Namen für dieselbe Sache?
Der Grund liegt in den Katalogen, mit denen Ärztinnen und Psychotherapeuten Diagnosen benennen. In Deutschland wird über viele Jahre das Klassifikationssystem ICD-10 genutzt. Dort steht der Begriff „hyperkinetische Störungen", der zur Ziffer F90 gehört.
Das amerikanische System DSM-5 und der internationale Sprachgebrauch verwenden dagegen die Abkürzung ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Beide beschreiben denselben Kernbereich, setzen die Schwerpunkte nur leicht anders. Die aktuelle deutsche Behandlungsleitlinie führt beide Bezeichnungen ausdrücklich zusammen und behandelt sie als ein gemeinsames Störungsbild.
Für Eltern heißt das zur Beruhigung: „Hyperkinetische Störung" ist keine seltene oder schwerere Sonderdiagnose. Es ist der amtliche Name für ADHS.
Woran erkennen Eltern die Anzeichen?
Fachleute beschreiben drei Kernbereiche. In jeder Familie zeigen sie sich anders stark:
- Aufmerksamkeit: Das Kind lässt sich leicht ablenken, verliert bei Aufgaben schnell den Faden, vergisst Anweisungen oder wirkt „verträumt".
- Aktivität: starker Bewegungsdrang, Zappeln, Schwierigkeiten, ruhig sitzen zu bleiben, ein Gefühl, dauernd „unter Strom" zu stehen.
- Impulskontrolle: Antworten platzen heraus, Warten fällt schwer, Handlungen kommen vor dem Nachdenken. Mehr dazu unter Impulskontrolle.
Auffällig wird es dann, wenn diese Muster über längere Zeit bestehen, in mehreren Lebensbereichen auftreten, etwa zu Hause und in der Schule, und das Kind im Alltag deutlich belasten. Einzelne lebhafte Phasen gehören dagegen zur normalen Entwicklung und sind noch kein Hinweis auf eine hyperkinetische Störung.
Wie entsteht eine hyperkinetische Störung?
Nach heutigem Forschungsstand ist die hyperkinetische Störung überwiegend neurobiologisch bedingt. Die Verarbeitung und Weiterleitung bestimmter Signale im Gehirn läuft anders ab, wodurch das Filtern von Reizen und das Steuern von Aufmerksamkeit und Impulsen erschwert sind. Erbliche Anlagen spielen eine große Rolle, oft gibt es ähnliche Muster bei nahen Verwandten.
Belastende Lebensumstände können den Verlauf beeinflussen, sie sind aber nicht die Ursache. Das ist für viele Eltern eine wichtige Entlastung: Eine hyperkinetische Störung entsteht nicht durch Erziehungsfehler, zu wenig Struktur oder „zu viel Zucker". Fachgesellschaften betonen ausdrücklich, dass es sich um eine ernst zu nehmende Erkrankung handelt und nicht um ein Verhalten, das Eltern verschuldet haben. Die Häufigkeit liegt bei etwa fünf von hundert Kindern und Jugendlichen.
Was hilft?
Als Standard gilt eine multimodale Therapie. Das bedeutet: Mehrere Bausteine greifen ineinander, abgestimmt auf Alter, Ausprägung und die Situation der Familie.
- Aufklärung (Psychoedukation): Eltern und, je nach Alter, das Kind selbst verstehen, was hinter dem Verhalten steckt.
- Elternbegleitung und Training: klare Strukturen, hilfreiche Reaktionen und ruhigere Abläufe im Alltag. Ansätze dazu bündelt das Elterntraining.
- Unterstützung in der Schule: Absprachen, die Konzentration und Lernen erleichtern.
- Medikamente: bei stärkerer Ausprägung ein möglicher Baustein, immer ärztlich begleitet und nie als alleinige Lösung.
Viele Kinder lernen mit der richtigen Begleitung, ihre Stärken zu nutzen und mit den Schwierigkeiten umzugehen. Ziel ist nicht, das Kind „umzupolen", sondern den Alltag tragfähiger zu machen.
Wann und wo Hilfe holen?
Sinnvoll ist eine Abklärung, wenn die Anzeichen über Monate bestehen, in Schule und Zuhause auftreten und Ihr Kind oder die Familie darunter leiden. Erste Ansprechpartner sind die Kinderarztpraxis sowie eine Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP).
Wichtig zur Einordnung: Ob wirklich eine hyperkinetische Störung vorliegt, kann ausschließlich eine ärztliche oder psychotherapeutische Fachperson feststellen, in der Regel im Rahmen der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ein Elterncoaching wie Rückenwind ersetzt diese Diagnostik nicht. Es begleitet Sie als Eltern, ordnet ein und stärkt Sie im Alltag, während die medizinische Abklärung und Behandlung bei den entsprechenden Fachstellen liegt.
Quellen & Weiterführende Links
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ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)
ADHS ist eine neurobiologisch bedingte Störung der Selbststeuerung mit Unaufmerksamkeit, innerer Unruhe und Impulsivität. Sie beginnt im Kindesalter, ist gut behandelbar und kein Ergebnis falscher Erziehung.
ADHSElterntraining (Parent Training)
Ein Elterntraining ist ein strukturiertes Programm, das Eltern konkrete Strategien für den Umgang mit schwierigem Verhalten ihres Kindes vermittelt, besonders bei ADHS und Verhaltensauffälligkeiten.
ADHSF90 (ICD-10)
Diagnosecode-Gruppe für Hyperkinetische Störungen / ADHS
ADHSMultimodale Therapie
Multimodale Therapie bei ADHS heißt: Mehrere aufeinander abgestimmte Bausteine wirken zusammen. Dazu gehören Aufklärung, Elterntraining, Verhaltenstherapie, schulische Unterstützung und bei Bedarf Medikamente.
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