Esststörungen ca. 4 Min. Lesezeit

Leistungsfähiger mit weniger Gewicht

Der Glaube, mit weniger Gewicht mehr zu leisten, ist im Sport verbreitet und bei Essstörungen gefährlich. Kurzfristig kann ein Hoch entstehen, mittelfristig schadet der Energiemangel Muskeln, Knochen, Herz, Zyklus und Konzentration.

Inhalt

Was steckt hinter dem Gedanken?

Der Satz taucht in vielen Sportarten auf: „Mit ein paar Kilo weniger läuft es leichter." In Ausdauersportarten wie Laufen oder Radsport zählt oft die Wattzahl pro Kilogramm Körpergewicht. Weniger Masse bergauf zu bewegen klingt nach einem Vorteil, und Bilder von schmalen Spitzenathletinnen verstärken den Eindruck. Auch im Turnen, im Ballett, beim Skispringen oder in Sportarten mit Gewichtsklassen gilt ein schlanker Körper schnell als Bedingung für Erfolg.

Bei Jugendlichen mit einer beginnenden Magersucht bekommt dieser Gedanke eine gefährliche Rückendeckung. Das Hungern wirkt plötzlich vernünftig, sportlich begründet, von außen sogar anerkannt. Der Wunsch nach Kontrolle über den eigenen Körper verkleidet sich als Ehrgeiz. Eltern und Trainerinnen loben die Disziplin, während die Portionen immer kleiner werden. So verschiebt sich die Grenze zwischen ambitioniertem Training und einer Erkrankung, ohne dass es jemand bemerkt.

Warum sich anfangs ein Hoch einstellt

In den ersten Wochen scheint die Rechnung aufzugehen. Ein paar Kilo weniger verbessern kurzfristig manche Messwerte, Bergaufpassagen fühlen sich leichter an, eine Wettkampfzeit sinkt. Eine Läuferin knackt ihre Bestzeit und ist überzeugt, den richtigen Weg gefunden zu haben. Dazu kommt Lob von außen und ein Gefühl von Stärke.

Unter Nahrungsknappheit schüttet der Körper vermehrt Stresshormone aus. Viele Betroffene berichten von innerer Unruhe und einem starken Bewegungsdrang, der sich wie zusätzliche Energie anfühlt. Dieses Hoch täuscht. Es beruht auf einer Alarmreaktion des Körpers, nicht auf echtem Trainingsfortschritt. Sobald die Energiereserven aufgebraucht sind, kippt der Effekt, und die Leistung bricht ein. Genau hier liegt die Falle: Das anfängliche Plus wird als Beweis gelesen und treibt das Hungern weiter, während der Körper längst an seine Substanz geht.

Was Mangelernährung mittelfristig anrichtet

Hält der Energiemangel über Wochen an, sprechen Fachleute der Sportmedizin von RED-S (relatives Energiedefizit im Sport). Gemeint ist ein Zustand, in dem der Körper dauerhaft weniger Energie bekommt, als er für Training, Wachstum und die Grundfunktionen braucht. Betroffen sind Mädchen und Jungen. Der Körper fährt dann zentrale Funktionen herunter, um zu sparen, und das trifft fast jedes Organsystem.

  • Muskulatur: Der Körper baut Eiweiß aus dem Muskelgewebe ab. Die Kraft sinkt, der Aufbau nach dem Training stockt. Die Leistung fällt, oft trotz mehr Training.
  • Knochen: Die niedrige Energieverfügbarkeit senkt wichtige Hormone. Zusammen mit Östrogenmangel steigt das Risiko für Ermüdungsbrüche und später für Knochenschwund (Osteoporose).
  • Herz und Kreislauf: Puls und Blutdruck sinken. In schweren Fällen drohen lebensgefährliche Herzrhythmus-Störungen.
  • Zyklus: Bei Mädchen bleibt die Regelblutung aus (sekundäre Amenorrhö). Sie kehrt meist erst mit ausreichender Gewichtszunahme zurück.
  • Immunsystem: Die Abwehr wird schwächer, Infekte häufen sich und heilen langsamer.
  • Konzentration und Psyche: Das Gehirn leidet unter dem Mangel. Die Gedanken kreisen um Essen und Gewicht, Stimmung und Schlaf verschlechtern sich.

In der Pubertät ist das besonders heikel, weil der Körper gerade viel Energie für das Wachstum verbraucht. Mehr dazu steht unter Essstörung und Pubertät.

Warnzeichen im Sportkontext

Im Sport lässt sich Hungern lange als Fleiß tarnen, weil Verzicht und Härte dort als Tugend gelten. Umso mehr zählt der genaue Blick der Eltern. Auf diese Signale können sie achten:

  • Training trotz Verletzung, Krankheit oder Erschöpfung, dazu heimliche Extraeinheiten.
  • Genaues Zählen von Kalorien und das Weglassen von Mahlzeiten an trainingsfreien Tagen.
  • Häufige Ermüdungsbrüche oder Verletzungen, die nur langsam heilen.
  • Ausbleibende Regelblutung, ständig kalte Hände, häufiges Frieren.
  • Reizbarkeit, Rückzug und sinkende Leistung trotz härterem Training.
  • Auffälliges Verhalten rund ums Essen, etwa nur noch „gesunde" Lebensmittel, langes Zerkleinern, Ausreden bei gemeinsamen Mahlzeiten.

Wenn das Gewicht zum ständigen Thema wird, hilft die Seite Gewichtsmonitoring (Elternrolle) beim Einordnen. Ein einzelnes Zeichen sagt wenig. Mehrere Signale über Wochen sind ein Grund, genauer hinzuschauen und das Gespräch zu suchen.

Wann und wo Eltern Hilfe holen

Eine früh erkannte und behandelte Essstörung hat deutlich bessere Aussichten auf eine vollständige Erholung, deshalb zählt jeder Monat. Bei einem Verdacht ist die erste Anlaufstelle die Kinderärztin oder der Kinderarzt, ergänzt durch eine sportmedizinische Untersuchung. Auffällige Werte an Herz, Knochen oder Zyklus gehören ärztlich abgeklärt. Auch die Trainerin oder der Trainer sollte einbezogen werden, damit das Training nicht weiter befeuert, was dem Körper schadet. Spezialisierte Ambulanzen für Essstörungen an Universitätskliniken haben oft Wartezeiten, deshalb lohnt sich eine frühe Anfrage, auch wenn noch keine Diagnose feststeht.

Rückenwind Eltern begleitet als Coaching und Beratung. Janike ist Sozialarbeiterin und Elterncoach in Ausbildung zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, nicht approbiert, und stellt keine Diagnosen. Die Diagnose und die Behandlung einer Essstörung oder eines relativen Energiemangels kann ausschließlich eine Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) oder eine ärztliche beziehungsweise psychotherapeutische Fachperson übernehmen.

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