Krankheit nicht einsehen (Krankheitsuneinsichtigkeit)
Wenn ein Kind mit Essstörung, Psychose oder schwerer psychischer Erkrankung sich selbst nicht als krank erlebt, ist das meist Teil der Erkrankung (Anosognosie) und kein Trotz. Eltern erfahren hier, wie sie trotzdem Zugang und Behandlung erreichen.
Inhalt
Was bedeutet fehlende Krankheitseinsicht?
Fehlende Krankheitseinsicht, fachlich Anosognosie (aus dem Griechischen für „Nichtwissen von der Krankheit"), beschreibt, dass ein Mensch die eigene Erkrankung nicht als Krankheit wahrnimmt. Bei einer Essstörung, bei Psychosen und bei anderen schweren psychischen Erkrankungen kommt das häufig vor. Bei Psychosen erleben sich viele Betroffene zeitweise oder auch dauerhaft nicht als krank.
Wichtig für Sie als Eltern: Ihr Kind lehnt die Behandlung dann nicht ab, weil es stur oder undankbar ist. Es sieht schlicht kein Problem. Bei Magersucht empfinden viele die Kontrolle über Essen, Gewicht und Sport als etwas Positives, als eigene Leistung, nicht als Symptom. Genau diese verschobene Sicht gehört zum Bild der Erkrankung dazu.
Warum sich Ihr Kind nicht als krank erlebt
Bei der Magersucht verändert sich die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Selbst stark untergewichtige Jugendliche sehen sich im Spiegel als zu dick oder glauben an Problemzonen, die objektiv nicht existieren. Das Fasten und der Sport geben ein Gefühl von Halt und Erfolg. Solange dieses Gefühl trägt, wirkt jeder Hinweis von außen wie ein Angriff auf etwas Gutes.
Bei Psychosen liegt der fehlenden Einsicht oft etwas Körperliches zugrunde. Bildgebende Untersuchungen weisen auf Veränderungen in bestimmten Hirnregionen hin, die daran beteiligt sind, den eigenen Zustand einzuschätzen. Die fehlende Einsicht ist dann kein Charakterzug, sondern eine Folge der Erkrankung selbst. Das erklärt, warum reine Argumente und Beweise meist nicht ankommen. Das Gehirn ordnet die Symptome in diesem Moment nicht als Symptome ein.
Warum das für Eltern so schwer auszuhalten ist
Sie sehen, dass Ihr Kind abnimmt, sich zurückzieht oder Dinge sagt, die Ihnen Angst machen. Ihr Kind sieht nichts davon. Diese Lücke zwischen dem, was Sie beobachten, und dem, was Ihr Kind erlebt, führt fast zwangsläufig zu Konflikten. Beim Essen entstehen Streit und Krisen, die die ganze Familie belasten.
Viele Eltern rutschen dann in einen täglichen Kampf: mehr erklären, mehr beweisen, mehr Druck. Das Kind fühlt sich unverstanden und macht dicht. Sie erschöpfen sich. Es hilft zu wissen, dass mangelnde Einsicht kein Erziehungsfehler ist und sich nicht durch das perfekte Argument auflösen lässt. Ihre Aufgabe ist nicht, Ihr Kind zu überzeugen, dass es krank ist. Ihre Aufgabe ist, die Beziehung zu halten und den Zugang zu Hilfe offenzuhalten.
Was Eltern tun können
Ein Rechthaben-Streit über die Diagnose bringt selten etwas. Wirksamer ist eine Haltung, die aus der motivierenden Gesprächsführung stammt: am ansetzen, was Ihrem Kind selbst wichtig ist, statt gegen den Widerstand zu argumentieren.
- Sprechen Sie über konkrete Belastungen, die Ihr Kind vielleicht doch spürt: Frieren, Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Streit mit Freunden. Diese Türen stehen oft offener als das Wort „krank".
- Bleiben Sie bei Ihren eigenen Beobachtungen und Sorgen, statt Etiketten zu vergeben. „Ich habe Angst, weil du in vier Wochen so viel abgenommen hast" trifft anders als „Du bist magersüchtig".
- Halten Sie klare, ruhige Grenzen bei den Mahlzeiten, ohne sie zum täglichen Machtkampf zu machen. Konkrete Wege dazu finden Sie unter Mahlzeiten-Eskalation vermeiden.
Bei Kindern und Jugendlichen wird die Familie in die Behandlung einbezogen. Bei der Magersucht übernehmen Eltern in der familienbasierten Therapie vorübergehend die Verantwortung für die Ernährung, gerade weil das Kind die Gefahr selbst nicht einschätzen kann.
Wann Hilfe holen und wann rechtliche Schritte greifen
Holen Sie sich früh fachliche Unterstützung, auch wenn Ihr Kind nicht mitkommen will. Sie dürfen sich als Eltern eigenständig beraten lassen. Bei Minderjährigen entscheiden Sie über die medizinische Behandlung mit, und eine ärztliche Vorstellung ist möglich, auch ohne dass Ihr Kind sie für nötig hält.
Ernst wird es bei starkem oder schnellem Gewichtsverlust, Kreislaufproblemen, Selbstverletzung oder Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Dann geht es um körperliche Sicherheit, und eine stationäre Aufnahme kann nötig werden, in seltenen Fällen auch gegen den Willen des Kindes. Was dabei auf Sie zukommt, lesen Sie unter Krankenhauseinweisung begleiten. Bei akuter Gefahr wählen Sie den ärztlichen Notdienst (116117) oder im Notfall die 112.
Janike und das Team von Rückenwind Eltern begleiten Sie als Coaching durch diese Zeit, stärken Ihre Rolle und Ihre Kräfte. Eine Diagnose, die Beurteilung der körperlichen Gefährdung und jede Behandlung gehören jedoch ausschließlich in die Hände einer Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) oder einer ärztlichen beziehungsweise psychotherapeutischen Fachperson.
Quellen & Weiterführende Links
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