Systemische Therapie
Systemische Therapie versteht die Probleme eines Kindes im Zusammenhang mit seinen Beziehungen und bezieht die Familie aktiv ein. Seit 2024 ist sie auch für Kinder und Jugendliche eine Kassenleistung.
Inhalt
Was ist systemische Therapie?
Systemische Therapie ist ein Psychotherapieverfahren, das die Ursache eines Symptoms in den Beziehungen rund um das Kind sucht. Auffälliges Verhalten gilt als Ausdruck der aktuellen Kommunikations- und Beziehungsmuster in einem System, also in Familie, Freundeskreis und Schule.
Der Blick weitet sich vom Kind auf das ganze Umfeld. Ein zurückgezogenes Kind gilt als Teil eines Musters, das sich zwischen mehreren Menschen eingespielt hat. Entwickelt wurde der Ansatz ab den 1950er Jahren, unter anderem von Gregory Bateson, Paul Watzlawick, Virginia Satir und Salvador Minuchin, in Deutschland von Horst-Eberhard Richter und Helm Stierlin.
Die Haltung ist ressourcenorientiert. Therapeutinnen und Therapeuten treten in einen neugierigen, respektvollen Dialog und suchen nach Stärken, die schon da sind, statt nur nach Defiziten.
Wie arbeitet sie mit Kindern und Familien?
Systemische Therapie nutzt eigene Gesprächstechniken. Bekannt sind vor allem vier:
- Zirkuläre Fragen: Ein Familienmitglied wird über die Sicht eines anderen befragt. „Was glaubst du, wie es deiner Schwester geht, wenn ihr streitet?“ So werden Annahmen über Beziehungen sichtbar und besprechbar.
- Reframing: Ein Verhalten bekommt einen neuen Rahmen. Trotz kann als Versuch verstanden werden, eigene Grenzen zu setzen. Der neue Rahmen öffnet andere Reaktionen.
- Genogramm: Eine Art Familienlandkarte über mehrere Generationen. Sie macht wiederkehrende Rollen, Muster und Belastungen erkennbar.
- Familienskulptur: Familienmitglieder stellen Nähe und Distanz im Raum körperlich auf. Das zeigt Beziehungen, für die oft die Worte fehlen.
Kinder werden nicht nur über Sprache erreicht. Je nach Alter kommen Spiel und kreative Methoden dazu. Eltern und häufig Geschwister sitzen mit im Raum, weil Veränderung im Alltag zwischen den Menschen passiert, nicht nur im Therapiezimmer.
Wie ist der Forschungsstand?
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat den Nutzen für Kinder und Jugendliche auf Basis von 42 randomisierten kontrollierten Studien geprüft. Das Ergebnis fällt je nach Störungsbild unterschiedlich aus.
Vorteile zeigten sich unter anderem bei:
- Angst- und Zwangsstörungen, kombiniert mit einem Richtlinienverfahren
- Essstörungen (verwandt ist hier die Familienbasierte Therapie (FBT))
- hyperkinetischen Störungen, also im ADHS-Bereich, in Kombination mit Medikamenten
- substanzbedingten Störungen
Bei affektiven Störungen, etwa Depressionen, sah das IQWiG dagegen einen Nachteil gegenüber anderen Verfahren. Das heißt: Systemische Therapie ist kein Allheilmittel. Welches Verfahren passt, hängt vom Störungsbild und vom einzelnen Kind ab.
Seit wann zahlt die Krankenkasse?
Lange war systemische Therapie in Deutschland nicht über die gesetzliche Krankenkasse abrechenbar. Das hat sich in zwei Schritten geändert.
Für Erwachsene erkannte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) das Verfahren als viertes Richtlinienverfahren an, neben Verhaltenstherapie sowie analytischer und tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie. Seit Anfang 2020 ist es dort Kassenleistung.
Für Kinder und Jugendliche folgte der Beschluss am 18. Januar 2024. Nach der Anpassung der Vergütung wurde die Behandlung im Sommer 2024 als Kassenleistung nutzbar und steht damit heute auch dieser Altersgruppe offen. Erbracht wird sie von approbierten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit entsprechender Weiterbildung und Kassenzulassung.
Was bedeutet das für Eltern, und wann Hilfe holen?
Für Eltern heißt das konkret: Wenn Ihr Kind eine Kassentherapie beginnt, können Sie inzwischen auch systemisch arbeitende Praxen ansprechen. Dass Eltern und Geschwister einbezogen werden, bedeutet nicht, dass die Familie schuld an dem Problem ist. Der Ansatz nutzt die Menschen, die dem Kind am nächsten sind, als Teil der Lösung.
Begleitend gibt es Bausteine wie Elterntraining oder bei Paarkonflikten eine Paartherapie. Andere Verfahren wie die psychodynamische Therapie oder die Verhaltenstherapie können je nach Diagnose besser passen.
Rückenwind Eltern begleitet Sie als Coaching, nicht als Psychotherapie. Janike ist Sozialarbeiterin und Elterncoach in Ausbildung zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, sie ist nicht approbiert und stellt keine Diagnosen. Eine Abklärung und die Auswahl des passenden Verfahrens gehören in die Hände einer Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) oder einer ärztlichen beziehungsweise psychotherapeutischen Fachperson.
Quellen & Weiterführende Links
- G-BA: Systemische Therapie für Erwachsene als weiteres Richtlinienverfahren aufgenommen
- G-BA: Systemische Therapie wird auch bei Kindern und Jugendlichen eine Leistung der GKV
- IQWiG: Systemische Therapie zeigt bei Kindern und Jugendlichen in mehreren Bereichen positive Effekte
- Neurologen und Psychiater im Netz: Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen
- DGSF: Familientherapie – Systemische Therapie
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