Anorexia Nervosa (Magersucht)
Anorexia nervosa ist der medizinische Fachbegriff für die Essstörung, die im Alltag Magersucht heißt. Kennzeichnend sind selbst herbeigeführtes Untergewicht, große Angst vor Gewichtszunahme und eine verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers.
Inhalt
Was bedeutet Anorexia nervosa?
Anorexia nervosa ist der klinische Name für die Essstörung, die viele Eltern als Magersucht kennen. Beide Begriffe meinen dasselbe Krankheitsbild. Der lateinische Fachbegriff taucht vor allem in Arztbriefen, Diagnosen und Leitlinien auf und wird in der Kinder- und Jugendpsychiatrie verwendet.
Im internationalen Diagnoseschlüssel steht die Erkrankung unter der Nummer F50.0. Sie gehört zur Gruppe der Essstörungen, also seelischen Erkrankungen, die sich stark über das Essverhalten zeigen. Das Wort "Anorexie" heißt wörtlich Appetitlosigkeit, das trifft es aber nur ungenau: Betroffene haben meist Hunger, unterdrücken ihn jedoch bewusst. Im Zentrum steht ein tief verwurzelter Wunsch, dünn zu sein, und eine große Angst vor dem Zunehmen. Diese Angst bleibt auch bestehen, wenn das Gewicht längst gefährlich niedrig ist.
Diagnosekriterien nach ICD und DSM
Ob eine Anorexia nervosa vorliegt, entscheidet eine Fachperson anhand fester Kriterien. Für die Diagnose müssen mehrere Merkmale zusammenkommen:
- Deutliches Untergewicht, das die Person selbst herbeiführt, etwa durch strenges Fasten, Kalorienzählen, viel Bewegung oder Erbrechen. Bei Kindern und Jugendlichen gilt ein Gewicht unterhalb der altersüblichen Werte als Warnzeichen.
- Starke Angst vor Gewichtszunahme, auch bei bereits niedrigem Gewicht.
- Körperschemastörung: Betroffene nehmen sich als zu dick wahr, obwohl sie untergewichtig sind. Das eigene Gewicht bestimmt stark das Selbstwertgefühl.
- Körperliche Folgen wie das Ausbleiben der Regelblutung oder eine verzögerte körperliche Entwicklung.
Das amerikanische Diagnosesystem DSM-5 beschreibt die Erkrankung sehr ähnlich, verzichtet aber auf feste Gewichtsgrenzen und schaut mehr auf den Gesamtzustand. Beide Systeme betonen: Die Krankheitseinsicht fehlt oft. Das erschwert es, dass Betroffene selbst Hilfe suchen.
Restriktiver Typ und Binge-Eating/Purging-Typ
Anders als der Alltagsbegriff unterscheidet die Fachwelt zwei Formen der Anorexia nervosa. Diese Einteilung hilft, die Behandlung passend zu wählen.
- Beim restriktiven Typ senken Betroffene ihr Gewicht vor allem durch striktes Weglassen von Essen, Fasten und viel Sport. Essanfälle oder Erbrechen kommen hier nicht regelmäßig vor.
- Beim Binge-Eating/Purging-Typ treten zusätzlich Essanfälle oder gegensteuernde Maßnahmen auf, etwa selbst ausgelöstes Erbrechen, Abführmittel oder entwässernde Medikamente.
Die Übergänge sind fließend, und die Form kann im Verlauf wechseln. Ein Teil der Betroffenen entwickelt später eine Bulimia nervosa. Der Purging-Typ geht häufiger mit körperlichen Komplikationen einher, weil Erbrechen und Abführmittel den Mineralhaushalt aus dem Gleichgewicht bringen. Für Eltern ist diese Unterscheidung weniger wichtig als das Wissen, dass beide Formen ernst sind und ärztlich begleitet gehören.
Wie entsteht Anorexia nervosa?
Eine einzelne Ursache gibt es nicht. Fachleute gehen von einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren aus. Eine erbliche Veranlagung spielt eine Rolle, ebenso die Botenstoffe im Gehirn, die Hunger, Sättigung und Belohnung steuern. Dazu kommen seelische Merkmale wie ausgeprägter Perfektionismus, ein hoher Anspruch an sich selbst und das Bedürfnis, Kontrolle zu behalten.
Oft beginnt die Erkrankung in der Pubertät, wenn Körper und Selbstbild sich verändern. Auslöser können eine Diät, figurbezogene Hänseleien, belastende Erlebnisse oder ein hoher Leistungsdruck sein. Solche Ereignisse verursachen die Krankheit nicht allein, sie können aber bei bestehender Veranlagung den Anstoß geben. Wichtig für Eltern: Anorexia nervosa entsteht nicht durch Erziehungsfehler. Selbstvorwürfe helfen dem Kind nicht weiter. Sie ist eine anerkannte Erkrankung mit körperlichen und seelischen Anteilen, keine Frage von Willensstärke oder Trotz.
Was hilft, und wo bekommen Familien Unterstützung?
Anorexia nervosa ist behandelbar, und je früher eine Behandlung beginnt, desto besser stehen die Chancen. Im Mittelpunkt steht meist eine Psychotherapie, oft eine kognitive Verhaltenstherapie, verbunden mit einer schrittweisen und begleiteten Gewichtszunahme. Bei Kindern und Jugendlichen hat sich die familienbasierte Therapie bewährt, bei der Eltern aktiv einbezogen werden. Je nach Schwere findet die Behandlung ambulant oder stationär statt. Ärztliche Kontrollen sichern ab, dass Herz, Kreislauf und Stoffwechsel stabil bleiben.
Als Eltern können Sie viel bewirken, indem Sie ruhig, geduldig und ohne Druck an der Seite Ihres Kindes bleiben und sich selbst Entlastung suchen. Rückenwind begleitet Sie dabei als Coaching und Elternbegleitung.
Eine Diagnose und eine medizinische Behandlung können wir nicht leisten. Ob eine Anorexia nervosa vorliegt und welche Therapie nötig ist, klärt ausschließlich eine Kinder- und Jugendpsychiatrie oder eine ärztliche beziehungsweise psychotherapeutische Fachperson. Bei starkem Untergewicht oder raschem Gewichtsverlust sollten Sie diese Abklärung zeitnah suchen.
Quellen & Weiterführende Links
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